Offener Brief an die Blote Vogel Schule Witten – Rassismus bei der Aufführung des Stückes „Hexenjagd“

hier nochmal als PDF

Wir sind eine weiße, deutsche Gruppe, die sich mit ihren eigenen Rassismen und ihrem Weißsein auseinander setzen will. (http://kartoffelbrei.blogsport.eu/) Wir wenden uns an Sie, da wir von einer Person, die negativ von Rassismus betroffenen ist, auf die Inszenierung des Stückes „Hexenjagd“ von Arthur Miller an ihrer Schule aufmerksam gemacht wurden und gebeten wurden, dazu etwas zu unternehmen. Im Theaterstück wurde die rassistische Theaterpraxis des Blackfacing genutzt. Das Gesicht einer weißen Person wurde schwarz geschminkt und sie wurde mit weiteren rassistischen Attributen versehen (barfuß, Perücke(siehe Plakat im Anhang, Triggerwarnung!)). Im Publikum saßen fast nur weiße Menschen.
„[W]hite people used to make these images to show that black people were inferior to them and to justify racism and segregation“ (Manthia Diawara in „The Blackface Stereotype“).

Sollten Sie trotz der starken Thematisierung von Blackfacing in jüngster Zeit nicht wissen, warum das rassistisch ist, empfehlen wir Ihnen folgende Artikel. Da Rassismus von Weißen ausgeht, liegt es auch in Ihrer/unserer Verantwortung, sich darüber zu informieren:
Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V.:
Offener Brief des ISD an das ZDF
Lara-Sophie Milagro:
Die Bequemlichkeit der Definitionshoheit
Wikipedia:
Blackface

Doch es gab noch weitere rassistische Vorfälle. Auf der Facebookseite des Stückes wurde Ihnen ein Informationstext zu Blackfacing und seinem rassistischen Hintergrund zur Verfügung gestellt. Die weißen Schüler*innen reagierten darauf mit Abwehr, Beleidigungen und Silencing*. Sie pochten darauf, dass sie es besser wüssten, wann etwas rassistisch sei. Die Diskussion gipfelte in einem ausgeschriebenen Hitlergruß von einem Schüler der Klasse, der nach einigen Minuten wieder gelöscht wurde.
Schlußendlich wurden dann die nicht zur Schule gehörenden Beteiligten zu einem Gespräch an der Schule eingeladen. Wir wurden von der oben genannten Person gebeten sie zu vertreten, da sie die bereits vorrangegangene Diskussion als anstrengend empfunden hatte. Dies wurde von keiner und keinem von Ihnen ernst genommen. Einen Tag vor dem Gesprächstermin folgte eine schwammige Absage einer Schülerin über Facebook:
“Hallo. Es gibt wegen Morgen einen triftigen Grund warum das Gespräch nicht stattfinden kann. Es wäre nett wenn du den Betroffenen diese Mail Adresse weiterleiten würdest : koordination@blote-vogel.de Die Schule möchte sich um einen neuen Termin kümmern.”
Daraufhin wurden am 22.10.2013 Mails an die genannte Adresse versand, dass wir weiterhin bereit seien für ein Gespräch. Mehr als zwei Wochen später, am 11.11., bekamen wir dann von der Schule die Antwort:
„da sich die “Ursprungsbeteiligten” an diesem Gespräch bis heute nicht mit uns in Verbindung gesetzt haben, um einen Termin zu verabreden, ziehen wir unser
Gesprächsangebot zurück. Wir betrachten diesen Vorgang somit als abgeschlossen.“
Am 17.11. schrieben wir ihnen daraufhin nochmals eine Mail in der wir anboten, dass wir weiterhin bereit seien für ein Gespräch. Bis heute hat niemand von Ihrer Schule darauf reagiert.

Von Ihrer Seite wurden anscheinend einige Dinge nicht verstanden, bzw. wollten nicht verstanden werden. Es geht hier nicht darum Ihnen unsere Sicht der Dinge zu vermitteln, sondern die unzähligen Schriften, Beiträge, Interviews, etc. zum Thema Blackfacing, die von negativ von Rassismus betroffenen Personen verfasst wurden, ernst zu nehmen. Es ging bei dem Gespräch nicht darum, dass sich eine einzelne Person persönlich beleidigt fühlt, und dies mit ihr persönlich zu “klären”. Es ging darum, dass von Ihrer Schule, Lehrpersonen und Schüler*innen, Rassismus ausging.

“Gerne möchten wir Sie dabei darauf hinweisen, dass rassistisches Handeln auch dann passiert, wenn dieses nicht intendiert war. Denn die Intention spielt keine Rolle, sondern die Wirkung.” (offener Brief ISD e.V. (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland) 14.12.2014)

Sie hatten, im Einverständnis mit der oben genannten Person, die Möglichkeit bekommen, dies in einem Gespräch anfänglich zu reflektieren und einen Umgang damit zu finden. Diese Möglichkeit scheinen Sie allerdings nicht wahrnehmen zu wollen. Von Ihrer Schule ging Rassismus aus. Sowohl durch die Umsetzung des Stückes, als auch innerhalb der Diskussion auf Facebook. Wir fragen uns, wie Sie als rassistisch Handelnde glauben können, dass dieser Fall so ohne weiteres als abgeschlossen betrachtet werden kann. Dies ist eine komplette Verweigerung der Reflexion und Verantwortlichkeit im Umgang mit Rassismus. Gerade Schulen als gesellschafts- und persönlichkeitsbildende Institutionen haben die gesellschaftliche Verantwortung, sich dem Rassismus innerhalb der eigenen Praxis zu stellen und diesem angemessen zu begegnen. Ihre Schule, die Klasse, die Lehrkräfte, der Regisseur des Theaterstücks reagierten trotz der wiederholten Hinweise und Aufforderungen von verschiedenen Menschen und Gruppen allerdings nur mit Abwehr, Beleidigung und Ausweichen.
„Blackface ist nur ein Symptom. Will man über strukturellen Rassismus sprechen, ist Blackface als plastisches und konkretes Beispiel geeignet. Im Umkehrschluss gilt: Man kann nicht sinnvoll über Blackface sprechen, ohne über Rassismus zu sprechen. Jedes Gespräch über Blackface ist ein Gespräch über strukturellen und alltäglichen Rassismus, Kolonialgeschichte und Weißsein.“ (J. Lemmle, Bühnenwatch)

Wir fordern von Ihnen daher eine Stellungnahme zu den Geschehnissen und eine Entschuldigung. Außerdem fordern wir, dass sich die Schule als ganzes (Schulleitung, Lehrpersonen und Schüler*innen) zu Rassismus weiterbildet, da hier augenscheinlich große Wissenslücken bestehen. Die weißen der Schule sollten sich innerhalb dieses Prozesses mit der eigenen gesellschaftlichen Position als weiße beschäftigen. Hierzu empfehlen wir z.B. Phoenix e.V.

Mit freundlichen Grüßen
i.A.
Kartoffelbrei (http://kartoffelbrei.blogsport.eu)

Literaturtips:
Noah Sow: Deutschland Schwarz Weiß
Mutlu Ergün: Kara Günlük
www.derbraunemob.de/deutsch/index.htm
www.phoenix-ev.org

*Mit Silencing sind Kommunikationstechniken gemeint, die zum Ziel haben, Menschen, die Rassismus, Sexismus oder andere Diskriminierungen anprangern, zum Schweigen zu bringen, etwa indem der Person gesagt wird, sie sei unfreundlich und müsse ihre Beschwerde in einem anderen Ton stellen, beziehungsweise indem ihr unterstellt wird, sie sei aggressiv, und damit ihre Beschwerde nicht legitim, oder auch durch direkte Verletzungen.

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