ACAB: „Der Gebrauch rassistischer/sexistischer Sprache ist nie unschuldig“

Dieser Artikel von uns erschien in der Zeitung der Roten Hilfe 2/2013 unter dem oben genannten Titel. Hier findet ihr die Antwort darauf in der Roten Hilfe 3/2013

Im Folgenden geht es um den Artikel „ACAB- Eine auf wenige Worte reduzierte Aussage“ von Henning aus Bremen (ZRH 4/2012), der als Reaktion auf den Artikel „Kampf den hohlen Parolen“ von Buvo-Hannah (ZRH 3/2012) erschien. In den Artikeln geht es um die Benutzung der Parole ACAB und damit um die politische Tragbarkeit des Begriffs „Bastard“, im Folgendem B*. Wir wurden vom AK PoC-Empowerment Köln auf die Debatte aufmerksam gemacht und angefragt, einen Kommentar zu schreiben, da der AK sich nicht die ganze Zeit an Rassismen von weißen abarbeiten, sondern sich auf ihr Empowerment konzentrieren will.

Um nochmal kurz zurückzukommen zum ursprünglichen Bezugstext „Kampf den hohlen Parolen“, hier ein kurzes Fazit unsererseits. Buvo-Hannah erklärt darin die Bedeutung und Herkunft des Wortes B* und damit auch der ACA*-Parole. Die Begründung, warum staatliche Repression aufgrund der Benutzung des Begriffs B* nicht von der Roten Hilfe aufgefangen werden sollte, ist eindeutig und konsequent: es handelt sich um einen rassistischen und sexistischen Begriff, der auf die Ideologie der „Blutreinheit“, die kolonialistische „Rassen“ideologie und die christliche Sexualmoral zurückgreift und elementar für die genozidale Politik im Nationalsozialismus war (siehe z.B. „Wie Rassismus aus Wörtern spricht“, Beitrag zu B* von Kien Nghi Ha und Susan Arndt, S. 624-628). Also ist die Verwendung des Wortes aus „linken Mündern“ eine Absurdität, und aus weißen Mündern ein rassistischer Gewaltakt, den es zu kritisieren und zu stoppen, und kein unschuldiges unwissendes Rebell*innentum, das es zu fördern gilt.

Die Antwort auf den Artikel von Henning ist eine Verteidigung der Benutzung des Begriffs, fernab von jeglicher kritischer Selbstreflexion.
Zunächst einmal möchte er uns weismachen, dass die Parole ACA* nichts, rein gar nichts mit dem B-Wort zu tun habe – obwohl es darin vorkommt. Henning weiß es besser als Lexika, Geschichtswissenschaftler*innen und Ethymolog*innen: nicht rassistische Strukturen hätten das Wort und damit auch die Parole ACA* hervorgebracht, sondern die Punkband Slime, und die sind ja links und alles was links ist, kann ja gar nicht rassistisch sein. Dass ein Artikel mit einer so lächerlichen These überhaupt in der ZRH erscheinen kann, ist skandalös genug und Zeichen dafür, wie vehement sich die weiße Linke gegen antirassistische Kritik wehrt.
Henning argumentiert weiterhin damit, dass dieser reaktionäre Begriff im ACA* Polem emanzipatorisch (nämlich gegen Autoritäten) verwendet werde. Dies ist in etwa so schlüssig, wie wenn man z. B. Angela Merkel sexistisch beschimpft und diese sexistische Gewalttat damit rechtfertigt, dass sie ja die Richtige trifft.
Es ist auch nicht relevant, dass in bestimmten (anderen) Kontexten (z.B. von den später genannten Minenarbeiter_innen in England) der Begriff B* auch mal aus einer nicht-hegemonialen Position heraus als Beleidigung genutzt wurde. Relevant ist hingegen, dass die Verwendung des Begriffs B* als Beschimpfung bedeutet, dass rassistische, klassistische und sexistische Vorstellungen reproduziert werden.
Henning argumentiert weiterhin mit der kurzen und prägnanten Verwendbarkeit von ACA* – erkennt jedoch selbst das Risikopotential der Verkürzung. Das sehen wir ähnlich, aber radikaler: Die Verkürzung verschleiert die Auseinandersetzung mit dem B-Wort. Buvo-Hannah hat sich Zeit genommen, diese Verkürzung aufzulösen und gezeigt, warum das Wort den linken Wortschatz verlassen sollte.
Henning geht sogar so weit, dass er sich fragt, ob es denn tatsächlich ein Problem darstellen würde, von den Nazis infiltrierte Symboliken und Worte nun wieder zurückzugewinnen. Das erinnert uns an innerfeministische Diskussionen um die Verwendung des Wortes „sl*“ im Kontext des „sl*walk“ (http://blog.derbraunemob.info/2012/09/22/was-das-problem-an-den-slutwalks-ist/). Seitenlang langweilt er uns mit Aufzählungen, was die bösen Nazis nicht schon alles für Begriffe und Symbole „zweckentfremdet“ haben, die wir uns doch nicht nehmen lassen sollen. Der Unterschied ist: der Begriff B* braucht keine*n Nazi, die*der es entfremdet, es ist nämlich schon an sich, ganz ohne Eingreifen, ein reaktionäres Wort. Und nein, wir möchten nicht, dass sich rassistische/sexistische Wörter im (linken) Sprachgebrauch (re)etablieren.
Es geht hier auch um Definitionsmacht. Die Diskussion um ACA* und den Begriff B* weist hier auch deutliche Parallelen zur „Rassistische Sprache in Kinderbüchern“-Debatte auf, in der weiße Leute rassistische Begriffe verteidigen, auf ihr „Recht“ pochen, diese zu verwenden und Kritik von Seiten der von Rassismus negativ Betroffenen mit dem Todschlagargument „Zensur“ abwehren. Auch bei dem Text von Henning fragen wir uns: wer verteidigt hier welche Begriffe und warum? „Provokation“ – wie Henning sie im letzten Teil seines Textes einfordert – ist nicht hilfreich, sie verletzt, sie diskriminiert. Provokation geschieht auf dem Rücken der Betroffenen.
Sprache ist auch Herrschaftsmittel. Rassistische, sexistische und klassistische Sprache wird von weißen bürgerlichen Männern konstruiert um ihre Herrschaft zu festigen. Der Gebrauch rassistischer/sexistischer Sprache ist nie unschuldig (wie Henning es in seinem Beispiel vom kleinen Dorfpunk suggeriert), ebenso wie es keinen unschuldigen Rassismus/Sexismus gibt. Vielmehr gibt es die kollektive Verantwortung aller ein Bewusstsein für rassistische/sexistische Sprache zu schaffen und das auch bei der Roten Hilfe. Der ideale linke Wortschatz sollte sich auf eine andere Specher*innenposition berufen können als die von WHAM (white heterosexual able bodied man). Berechtigte Kritik am Begriff B* ist nur einer der Ansatzpunkte, diese Hegemonie angreifbar zu machen.
Die solidarische Diskussionskultur, die Henning am Ende seines Artikels einfordert, kann er selbst nicht erfüllen. Er ist durchaus solidarisch mit denjenigen, die dieses reaktionäre Wort in der Parole ACA* benutzen und dafür Repression abkriegen, deren märtyrerisches Leid er auch nicht müde wird hervorzuheben. Vollkommen unsolidarisch ist er hingegen gegenüber den Betroffenen von Rassismus, die seit Jahrzehnten versuchen, ein Bewusstsein für rassistischen Sprachgebrauch zu schaffen und von weißen schlichtweg ignoriert werden (z.B. Noah Sow, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Audre Lorde, May Ayim, Frantz Fanon…). Dies nennt sich auch „weiße Solidarität“ und ist Teil weißer Vorherrschaft. Und DAS ist nicht der Weg, den eine linke Solidaritätsbewegung gehen sollte.

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